Stellungnahme zur Werkrealschule

Veröffentlicht: 05/02/2011 in beruflich, gesellschaftlich, politisch

Mal wieder werde ich politisch, aber nachdem was ich neulich in den Nachrichten gehört habe, bleibt mir nichts anderes übrig als auch zum Thema Werkrealschule meinen Senf dazuzugeben. Es war der Nachrichtenüberblick der jede Stunde um Halb kommt. Die Aussage in den Nachrichten war, dass die Opposition die Regierung wegen der Vernachlässigung der einzügigen Hauptschulen bei der Einführung der Werkrealschule kritisiert. Aktuell sieht das Konzept bisher vor, einzügige, zu meist ländliche Hauptschulen nicht in Werkrealschulen umzugestalten. Schüler die die Voraussetzungen erfüllen die zehnte Klasse zu besuchen müssen an eine andere Schule in der nächsten größeren Stadt gehen. Das geht den meisten Realschülern und Gymnasiasten in kleineren Städten und Dörfern so. Einzügige Hauptschulen sind einzügig weil sie nicht genügend Schüler haben um mehr als eine Klasse pro Schuljahr zu füllen. In vielen Fällen sind das dann auch sehr kleine Klassen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass diese Klassen zwischen 15 und 20 Schülern haben. Manchmal gibt es natürlich auch größere Klassen.

Bisher ist es so, dass 30% eines Jahrgangs es schaffen die zehnte Klasse zu erreichen. Der Plan für die Zukunft ist das Verhältnis umzudrehen. Das bedeutetet 70% einer neunten Klasse kommen dann in die zehnte Klasse. Auf dieser Grundlage ergibt sich ein Klassengröße in der zehnten Jahrgangsstufe von zehn bis zwölf Schülern. Diese Schüler sind dann auch noch zwei Tage in der Woche am nächsten Berufsschulzentrum. Die Forderung der Opposition ist also einen Teil des sowieso schon viel zu knappen Bildungsbudget dafür auszugeben, dass zehn bis zwölf Schüler sich morgens nicht in den Bus, S-Bahn, Zug oder sonst ein öffentliches Verkehrsmittel setzten müssen, was sie an zwei Tagen die Woche sowieso tun müssen. Es ist mit bewusst, dass diese „Benachteiligung“ das Aussterben der Hauptschulen auf dem Land bewirkt. Ich weiß nur nicht was daran so schlimm sein soll. Es wird ein Haufen Geld verpulvert um diese Schulen zu erhalten. Und das für eine handvoll Schüler, denen man dann keine anständigen Lernmittel zur Verfügung stellen kann, weil zu wenig Geld da ist. Soweit die Stellungnahme zu den Forderungen der sich im Wahlkampf befindenden Parteien der Opposition.

Das Konzept der Werkrealschule klingt erst Mal ziemlich gut. Ich versuche es mal in ein paar kurzen Sätzen zu erklären damit Ihr wisst wovon ich rede. Nachdem die Schüler aus der Grundschule versetzt wurden, heißt die Empfehlung die sie bekommen nicht mehr „Hauptschulempfehlung“, sondern „Haupt- und Werkrealschulempfehlung“. Die fünfte Klasse beginnt mit einer Lernstandserhebung aus der ein individueller Förderplan erstellt wird. Dieser Förderplan wird durch eine weitere Lernstandserhebung in der sechsten und ein Profile Assessment Center in der siebten Klasse überprüft und fortgeschrieben. Sämtliche Fördermaßnahmen werden in kontinuierlicher Elternarbeit mit diesen abgesprochen. Ende der siebten entscheiden sich die Schüler dann für ein „Wahlpflichtfach“. Es geht prinzipiell in drei verschieden Richtungen. Es gibt das technische Wahlpflichtfach, „Natur und Technik“ (NuT), das hauswirtschaftliche „Gesundheit und Soziales“ (GuS) und das kaufmännische „Wirtschaft und Informationstechnik“ (WuI). Die Inhalte dieser Fächer sind angelehnt an die Inhalte der Berufsfachschulen der verschiedenen Berufsschulen. In der zehnten Klasse kooperieren die Hauptschulen mit den Berufsschulzentren und schicken ihre Schüler in das erste Jahr der zweijährigen Berufsfachschulen, wobei die Schüler nicht an ihre Wahlpflichtfach gebunden sind, sie können sich neu entscheiden welche der drei Richtungen sie einschlagen wollen. Allerdings, wer in die zehnte Klasse versetzt werden will, muss einen Notendurchschnitt von 3,0 erreichen und die Lehrer entscheiden dann wer weiterkommt. Manche Schüler die den Schnitt nicht erreichen können auch so weiter kommen. Wenn die Lehrer der Meinung sind, dass der Schüler das leisten kann was in der zehnten Klasse gefordert wird. Wer nicht in die zehnte Klasse versetzt wird macht nach der neunten Klasse die Hauptschulprüfung. Außerdem kann sich jeder Schüler nach der neunten Klasse freiwillig entscheiden die Hauptschulprüfung zu machen. Nach der zehnten Klasse macht man eine Prüfung und erreicht damit den Mittleren Bildungsabschluss.

Soweit das Konzept kurz und bündig zusammengefasst. Es folgt eine kritische Auseinandersetzung mit der Materie. Grundsätzlich ist es eine gute Idee, den aktuellen Stand bei einem Schülern zu erheben und an diesem einen individuellen Plan auszuarbeiten. Es wird in der Umsetzung aber sehr schwierig. Wir reden hier von Klassen mit bis zu 30 Schülern. Von diesen soll ein Lehrer diese Erhebung machen, den Förderplan erstellen und ihn umsetzten. Das ist für einen Lehrer alleine nicht zu schaffen. Ich hatte Gespräche mit Lehrern die gesagt haben, es sei kein Problem, sie würden gerne so arbeiten, vorausgesetzt die Klassen haben nur 12 bis 15 Schüler. Ich hab weiter oben im Text sehr wirtschaftlich argumentiert, genau mit dieser Argumentation werden kleiner Klassengrößen abgelehnt. Ich bin der Meinung man sollte alle Klassen halbieren und dafür sollte genug monetäre Ausstattung bereitgestellt werden, hier aber muss ich mich leider an den realen Gegebenheiten orientieren. Mit sehr viel kleineren Klassen kann die individuelle Förderung umgesetzt werden. Da man die nicht hat entwickelt man Onlinetests die die Kinder zu Beginn das Schuljahres machen. Die Schwächen die dabei entdeckt werden, werden mit Arbeitsblättern bearbeitet die das Programm ausspuckt. Diese Arbeitsblätter enthalten standardisierte Aufgaben. Man hat also aus der Idee jeden Schüler individuell zu analysieren, seine Schwächen zu erkennen und zu bearbeiten, ein Computerprogramm gemacht welches das ganze Prozedere standardisiert. Damit verliert das Wort „individuell“ seine Bedeutung in diesem Zusammenhang. Wenn jedes Kind einzeln vom Lehrer betreut, getestet und unterstützt wird, die Klassen nicht größer als 15 Schüler sind ist diese Idee sehr gut und praktizierbar. Bei der kontinuierlichen Elternarbeit stoßen wir ebenso auf sehr vielfältige Probleme. Wer schon mal versucht hat Elternarbeit zu machen, weiß wie schwer es ist manche Eltern dazu zu überreden zu einem Gespräch zu kommen. Aber das sind nicht mal die schlimmsten Beispiele. Richtig anstrengend sind die die kommen und nicht mit sich reden lassen. Die der Meinung sind sie wissen alles und Lehrer, Sozialarbeiter und was da sonst noch so an der Schule an geschultem Personal rumläulft seien nicht in der Lage ihren Job zu machen und wenn das Kind sich im Unterricht daneben benimmt sind die Lehrer schuld, weil die würden das Kind ja eh die ganze Zeit mobben. Das ist leider keine ausgedachte Geschichte. So was musste ich miterleben. Dann hat man noch den Schlag der kommt zuhört und beim Verlassen des Zimmers schon wieder alles vergessen hat. Natürlich gibt es auch die Eltern die daran interessiert sind was mit ihrem Kind passiert nur leider sind die in der Minderheit. Leider hat man auch mit vielen Eltern Verständigungsschwierigkeiten, da sie nicht richtig Deutsch sprechen und verstehen können. Vertrauliche Gespräche über einen professionellen Dolmetscher sind sehr schwer. Der Plan den sich ein paar schlaue Leute ausgedacht haben klingt gut und wäre auch mit einem Haufen Geld umsetzbar. Aber mit den Rahmenbedingungen die an den Schulen herrschen, ist es leider nicht umsetzbar.

Die Fächerstruktur einer Hauptschule ist ziemlich kompliziert. Es gibt natürlich die üblichen Hauptfächer doch die anderen Fächer sind in sogenannten „Fächerverbünden“ zusammengefasst welche da wären; „Musik, Sport, Gestalten“, „Materie, Natur, Technik“, „Wirtschaft, Arbeit, Gesundheit“ und „Welt, Zeit, Gesellschaft“. Die sonst übliche Fächer werden jetzt in diesen Fächerverbünden zusammengefasst. Aber aufgepasst, das ist nicht immer eindeutig. Technik zum Beispiel gehört zu zwei verschiedenen Fächerverbünden die da wären MNT (logisch heißt ja immerhin Materie, Natur und TECHNIK) und Musik Sport Gestalten (???). Die Schüler verstehen nicht mehr welche Note wo im Zeugnis niederschlägt. Was der Unterschied zwischen Physik und Chemie ist, wissen sie nicht. Wenn sie überhaupt wissen, dass es so was wie Phymie und Chesik gibt. Jetzt kommen noch die Wahlpflichtfächer dazu, wer bisher den Überblick hatte muss jetzt hart arbeiten selbigen auch zu behalten. Welche Note aus Technik jetzt wo hin gehört wissen doch noch nicht mal die Lehrer. Wie sollen dann die Schüler da den Überblick behalten? Die alte Aufteilung der Fächer ist für viele ausbildende Betriebe die Sinnvollste. Man kann eindeutig nach bestimmten Fächern schauen und hat nicht eine Note für viele Fächer. Der einzige Sinn den das macht ist, weniger Schüler müssen wiederholen. Auch wenn der Abschluss der Werkrealschule mit der Mittleren Reife gleichgesetzt ist werden die meisten Betriebe einen großen Unterschied machen. Die stellen sich die Frage wie es sein kann, dass Schüler die momentan keine Chance haben die Werkrealschule zu schaffen, in Zukunft ohne Probleme da durch kommen.

Ich bin ein Opfer dieses Schulsystems und gleichzeitig habe ich es geschafft die Wege die das Schulsystem in Baden Württemberg bietet voll auszunutzen. Ich weiß nicht ob es in anderen Bundesländern ähnliche Möglichkeiten gibt, deswegen habe ich meine Aussage auf Baden Württemberg beschränkt. Nach der Grundschule bin ich auf die Hauptschule gekommen. Jeder, ob Lehrer, Pädagoge oder sonst irgendjemand der mit mir zu tun hatte wusste, ich gehöre da nicht hin. Damals wurde ganz neu ein erster Versuch der Werkrealschule eingeführt. Die Schule wollte unbedingt ihre Klasse voll kriegen, deswegen haben sie mich, trotz des geforderten Gesamtnotenschnitts nach der sechsten Klasse nicht wechseln lassen. Ich habe dann im zweiten Jahr der Werkrealschule meine Mittlere Reife gemacht und bin anschließend auf das Wirtschaftsgymnasium gegangen um dort mein Abitur zu machen. Ich hatte Glück. Mein Elternhaus hat mich in meinen Entscheidungen unterstützt. Ich durfte tun was ich wollte. Meine Eltern haben mir nicht das Gefühl gegeben, dass Hauptschüler zu sein eine Schande ist. Viele andere haben nicht das Glück das ich hatte. Das dreigliedrige Schulsystem in Deutschland ist überholt. Wir brauchen schon ganz lange ein neues Schulsystem. Eines das nicht nach vier Jahren die Schüler in drei Gruppen einteilt. Das nicht auf neun- bis zehnjährige Kinder einen solchen Druck aufbaut und immer nur auf Schwächen schaut und nicht die Stärken eines Kindes in den Mittelpunkt der Bildungsarbeit stellt. Ich habe noch kein ausgereiftes Konzept für ein gut funktionierendes Bildungssystem. Und ich sage absichtlich „noch nicht“, ich arbeite daran. Wenn ich soweit bin ein grobes Konzept erarbeitet zu haben, seid Ihr die ersten die es zu lesen bekommen.

Advertisements
Kommentare
  1. eliorod sagt:

    Puh, ziemlich lang. (Kleiner Tipp: ließ noch mal den zweiten Absatz, da stimmt irgendwas mit dem zweiten Satz nich…) Aber ich versuch mal, die von dir gewünschte Diskussion vom Zaun zu brechen:

    Ich kann dir nur zustimmen ;). Allen voran, dass sie die Fächer zusammenkleben wollen, ist schon eine Schande. Wenn schon weder Lehrer noch Schüler wissen, wie die Noten zustande kommen, wie soll dann derjenige, der hinterher anhand des Zeugnisses entscheidet, wissen, was Sache ist?

    Ich selbst hab mich neun Jahre lang durchs Gymnasium gequält. Individuelle Förderung gab’s erst, als es darum ging, sich auf’s Abi vorzubereiten. Und ich hatte noch Glück. Durch meine erste Fremdsprache (Französisch) waren wir immer die kleinste Klasse (20-24 Schüler) in der Stufe.
    Bei meinem Bruder hatte die Schule die Idee, 1. und 2. Klasse zusammen in einen Raum zu legen, damit die Langsamen in der 2. noch mal bei der ersten gucken konnte und die Schnellen aus der 1. schon mal vorarbeiten konnten.
    Keine Ahnung, ob das was gebracht hat. Ich denke eher nicht.

    Ich weiß nicht, ob es so was hier in BW auch gibt. Ich kenne noch die tolle Erfindung der „Förderstufe“, 5. und 6. gibt es keine Einteilung, ob Haupt- oder Realzweig. Erst danach wird entschieden, ob das Kind noch 3 oder 4 Jahre lang die Schulbank drücken muss. Die „Schlauen“ müssen trotzdem sofort aufs Gymi und in die „Druckkabine“.

    Als „Voll-Gymnasiast“ habe ich mitbekommen, wie es für Realschüler ist für’s Abitur auf ein Gymnasium zu wechseln. Für mich war die 11. Klasse ein vergeudetes Schuljahr. Die Lehrer waren nur damit beschäftigt, „die von der Realschule“ auf die Arbeitsweise und das Nievau am Gymnasium zu ziehen. Der Rest hat sich gelangweilt.
    Ich hab in einem Jahr WÄHREND des Unterrichts noch nie so viele Bücher gelesen, wie in diesem Schuljahr.

    Dein letzter Absatz erinnert mich irgendwie stark an eine bestimmte Schulform, die ziemlich mit Vorurteilen behaftet ist: http://www.swr.de/contra/-/id=7612/nid=7612/did=7553192/mgucpv/index.html
    Nicht lachen, sachma, aber die individuelle Förderung scheint dort doch um einiges besser zu sein als hier. Vielleicht kannste dir da was rauspicken für deinen Masterplan.

    (Schau dir doch nur mal den neuesten Spot von McDoof an. Der sagt doch schon alles.)

    • sachma sagt:

      Wer so lange Texte schreibt darf sich nicht über lange Kommentare wundern und muss dann auch darauf antworten. Du Arme!! Wurdest erst beim Abitur gefördert 😉 Ähm du hast n Abi. Da brauchst du doch keine Förderung. Ich hoff man liest die Ironie raus. Des mit dem zusammenwerfen der ersten und zweiten Klasse ist, freundlich ausgedrückt, komisch. Und die Argumentation ist, ehrlich betrachtet heuchlerisch. Die hatten wahrscheinlich nur zu wenig Lehrer und ham sich dann überlegt wie man das so verpacken kann, dass es pädagogisch sinnvoll klingt.
      Das Schüler länger zusammenbleiben als bis zur vierten find ich sinnvoll. Wobei es komisch ist die Gymnasiasten trotzdem gleich aussortiert werden. Das wirkt irgendwie so wie: „Ja Ihr seid schlau und geht aufs Gymi und bei Euch anderen muss man erstmal gucken wie blöd Ihr seid.“ Soweit ich weiß kann man auch hier nach der Realschule auf das Gymi wechseln, nur nimmt da keiner Rücksichtig. Außerdem haben wir die beruflichen Gymnasien, also warum sollt sich jemand den Streß auf dem algemeinbildenden geben wenn man eines besuchen kann das extra für Reaschüler eingerichtet wurde.
      Ich hab grundsätzlich nix gegen die Anthroposophen. Die haben einige gute Ideen, nur muß man das Ganze auch in einem historischen Kontext sehen. Rudolf Steiner is ja nun schon ein paar Jahre tot und seine Philosophie ist natürlich durch die Zeit geprägt in der er gelebt hat. Grundsätzlich find ich die Betrachtungsweise des Kindes eine sehr erwähnenswerte. Es geht da dann doch sehr um das Kind und was das Kind braucht und nicht was wir meinen was das Kind können muß.
      Wer weiß vieleicht wird ja in 150 Jahren über meine Pädagogik während des Studsiums geredet 🙂
      Den schau ich mir nicht mehr an. Seit diesem Werbespot habe ich auch meine seltenen Besuche in diesem Ding eingestellt. Dieser Werbspot suggeriert etwas das einfach nicht war. „Einen Ausbildungsplatz mit Hauptschulabschluß, vergiss es.“ Ich kann gar nicht soviel essen wie ich kotzen möchte. Das ist eine riesen Sauerei was die da treiben. *aufreg*
      Ich brauch jetzt Musik *falsch und laut mitsing*

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s