Gedanken zum Urteil gegen Jörg K.

Veröffentlicht: 10/02/2011 in gesellschaftlich, traurig

Um zu verstehen was ich empfinde, wenn ich an den Amoklauf von Winnenden denke, ist es wichtig zu wissen, dass ich damals in zwei Einrichtungen in der unmittelbaren Umgebung von Winnenden gearbeitet habe. Ich kann bis heute noch genau beschreiben, was ich ab dem Moment getan habe, in dem ich davon gehört hatte. Was ich gefühlt habe, weiß ich nicht. Eine große Leere ergriff von mir Besitzt und ich habe an diesem Tag nur funktioniert. Wie ein Blöder bin ich von A nach B gefahren um zu erfahren wie es den Jugendlichen geht, mit denen ich arbeite. Abends um 18:30 wusste ich dann Bescheid. Alle, die ich kannte, die in dem Schulkomplex in der Schule waren, haben überlebt. Teilweise waren Freunde und Freundinnen von ihnen gestorben. Ich werde auch nie den Ausdruck in den Augen des einen Jugendlichen vergessen, dessen Freundin gestorben war. Das Perverse an so einer Situation ist, man ist erstmal froh, dass es nicht einen selbst getroffen hat. Ich hatte dann die nächsten Tage und Wochen Zeit in vielen Gesprächen den Schock zu verarbeiten. Immer wieder hört man von Amokläufen und man ist immer bestürzt, aber wenn es einen Selbst betrifft, wenn man es nicht aus den Nachrichten erfährt, ist das was ganz Anderes. So langsam kehrte dann wieder so etwas ähnliches wie Normalität ein. Durch meine Arbeit hab ich immer wieder mit dem Amoklauf und dem Aktionsbündnis in Winnenden zu tun. Der 11. März wird hier in der Gegend noch ein paar Jahrzehnte ein Trauertag bleiben. Irgendwann war ich mit mir und meinen Gefühlen im Reinen und konnte mal an Anderes denken. Der Vater von Tim K. war ja relativ schnell im Gespräch. Im Nachhinein lässt es sich leicht sagen, er hätte sehen müssen, dass sein Sohn psychisch labil war. Und ja es gab Anzeichen, aber welcher Vater denkt schon darüber nach, ob sein Sohn ein potenzieller Amokläufer ist? Natürlich hat er gegen Waffengesetz und gesunden Menschenverstand verstoßen, in dem er Munition und Waffe einfach so rumliegen ließ. Ich weiß nur nicht, ob das ausreichend ist ihn des mehrfachen fahrlässigen Totschlags zu verurteilen. Ein Verstoß gegen das Waffengesetz ist es auf jeden Fall. Aber in tausenden anderen Haushalten wird genauso lax mit dem Waffengesetz umgegangen wie bei ihm. Ich muss immer wieder daran denken, wie es ihm wohl geht. Ich habe großes Mitleid mit dem Mann. Er hat auf die krasseste Weise, die ich mir vorstellen kann, vor Augen geführt bekommen, dass er bei seinem Sohn versagt hat. Er hat es nicht geschafft, seinen Sohn zu einer stabilen und gesellschaftsfähigen Person zu erziehen. Sein Sohn ist tot. Er kann ihn nicht fragen, warum er getan hat, was er tat. Diese Frage will er bestimmt genauso dringend beantwortet haben, wie die Eltern der Opfer seines Sohnes. Er wird überall angefeindet. Und man gibt ihm zu verstehen, er dürfe nicht um seinen Sohn trauern, denn dieser ist ein Monster. Wie sich die Familie im Verbund fühlt, kann ich mir nicht mal vorstellen. Es gab ja noch mehr Familienmitglieder. Es gab eine Mutter, die genauso viel Schuld trägt wie ihr Mann. Heute wurde Jörg K. also zu 21 Monaten auf Bewährung verurteilt. Ich wünsche ihm, dass er es schafft damit abzuschließen. Frieden wird er in diesem Leben nicht mehr finden. Dafür sind die Dämonen zu zahlreich, die über ihn gekommen sind.

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